1. Logikschaltungen

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Erste Erkundung: Dr. Boole und die rätselhaften Reagenzgläser

Der zerstreute Professor Dr. Boole experimentiert in seinem Labor mit geheimnisvollen Flüssigkeiten. Dabei hat er ein kompliziertes System aus Glasröhren und Reagenzgläsern aufgebaut, das von zwei Vorratsbehältern gespeist wird.
Je nachdem, aus welchem Vorratsbehälter Flüssigkeit zugeführt wird, füllen sich die unteren Reagenzgläser auf unterschiedliche Weise. Auf jedem Reagenzglas befindet sich ein Buchstabe. Nur wenn ein Reagenzglas Flüssigkeit enthält, ist der zugehörige Buchstabe gut lesbar. Beim genaueren Hinsehen zeigt sich, dass die Glasapparaturen im Inneren ganz unterschiedlich reagieren:
Dekobild Professor
Bild NOT In einem Aufbau fließt Flüssigkeit nur dann in das Reagenzglas, wenn kein Flüssigkeitszufluss aus dem entsprechenden Eingang erfolgt. Sobald dort Flüssigkeit ankommt, bleibt das Reagenzglas leer.
Bild AND In einem weiteren Aufbau gelangt Flüssigkeit nur dann in das Reagenzglas, wenn beide Eingänge gleichzeitig Flüssigkeit führen.
Bild OR Ein anderer Aufbau sorgt dafür, dass Flüssigkeit in das Reagenzglas fließt, sobald mindestens einer der beiden Eingänge Flüssigkeit enthält.
BildXOR In einem besonders empfindlichen Aufbau füllt sich das Reagenzglas nur dann, wenn genau einer der beiden Eingänge Flüssigkeit führt.
Laborwand

Untersuche die Apparatur und bestimme, welche Reagenzgläser Flüssigkeit enthalten, wenn

  • Flüssigkeit nur aus Vorratsbehälter 1 zugeführt wird.
  • Flüssigkeit nur aus Vorratsbehälter 2 zugeführt wird.

Wenn die Buchstaben der gefüllten Reagenzgläser in der richtigen Reihenfolge notiert werden, ergibt sich der Vorname und der Anfangsbuchstabe vom Nachnamen des zerstreuten Professors.
Lösung anzeigen
Lösung blau
Lösung orange
Der Name lautet George B.

1.1 Grundelemente

Die eben verwendeten Glasapparaturen entsprechen den Grundelementen jeder Schaltung. Sie werden auch logische Operatoren genannt. Diese logischen Operatoren werden also verwendet, um binäre Signale miteinander zu verknüpfen und auszuwerten. In der digitalen Technik arbeiten Schaltungen nicht mit beliebigen Zahlen, sondern ausschließlich mit zwei Zuständen:

  • 0 (LOW) – keine oder geringe Spannung
  • 1 (HIGH) – Spannung liegt an

Logische Operatoren legen fest, wie aus mehreren Eingangssignalen ein Ausgangssignal entsteht. Sie bilden damit die Grundlage aller digitalen Systeme – von einfachen Steuerungen bis hin zu modernen Prozessoren.
In der Technischen Informatik entsprechen logische Operatoren konkreten elektronischen Bauteilen, den sogenannten Logikgattern.

Definition
Definition: Logische Operatoren

Logische Operatoren verknüpfen binäre Eingangssignale nach festen Regeln zu einem binären Ausgangssignal.

Die nachfolgenden Operatoren sind die Grundbausteine logischer Schaltungen. Durch ihre Kombination lassen sich komplexe Funktionen und digitale Systeme realisieren.

Operator Schaltelement Symbol Bedeutung Wahrheitstabelle
UND UND-Gatter Der Ausgang ist nur dann 1, wenn alle Eingänge 1 sind.
ABA ∧ B
000
010
100
111
ODER OR-Gatter Der Ausgang ist 1, wenn mindestens ein Eingang 1 ist.
ABA ∨ B
000
011
101
111
NICHT NOT-Gatter ¬ Kehrt den Eingangswert um.
A¬A
01
10
Exklusiv-ODER XOR-Gatter Der Ausgang ist 1, wenn genau ein Eingang 1 ist.
ABA ⊕ B
000
011
101
110
Icon Beschreibung
George Boole und die Logikschaltungen
George Boole

George Boole (1815–1864) war ein britischer Mathematiker, der die Grundlagen der booleschen Algebra entwickelte. Er beschäftigte sich mit der Frage, wie logische Aussagen mathematisch beschrieben und systematisch verarbeitet werden können.
Boole erkannte, dass sich logische Zustände auf zwei Werte reduzieren lassen: wahr und falsch. Diese beiden Zustände entsprechen in der Digitaltechnik den Werten 1 und 0.
Obwohl George Boole selbst keine elektronischen Schaltungen kannte, bildet seine Algebra bis heute die mathematische Basis der Informatik, der Digitaltechnik und der Rechnerarchitektur.

Die Grundoperatoren UND, ODER, NICHT und XOR bilden die Basis der digitalen Logik. Durch Kombination dieser Operatoren lassen sich komplexere logische Funktionen darstellen.
Solche Kombinationen werden als zusammengesetzte Operatoren bezeichnet. Sie entstehen, wenn mehrere Gatter hintereinander geschaltet oder logische Ausdrücke miteinander verknüpft werden.
Beispiele für zusammengesetzte Operatoren:

  • NAND = NOT AND → ¬(A ∧ B)
  • NOR = NOT OR → ¬(A ∨ B)
Operator Schaltelement Bedeutung Wahrheitstabelle
NAND NAND-Gatter Der Ausgang ist 1, wenn nicht alle Eingänge 1 sind.
AB¬(A ∧ B)
001
011
101
110
NOR NOR-Gatter Der Ausgang ist 1, wenn keiner der Eingänge 1 ist.
AB¬(A ∨ B)
001
010
100
110
Übung

Aufgabe 1: Logische Operatoren – Drag & Drop Übung

Aufgabe 2: Logische Operatoren – Mini-Quiz

Aufgabe 3: Praktische Beispiele

1.2 Schaltungen

Bisher wurden logische Funktionen mit einzelnen Operatoren und einfachen Gattern umgesetzt. In der Praxis reichen jedoch einzelne Gatter selten aus, um technische Anforderungen zu erfüllen.
Komplexe digitale Systeme bestehen aus mehreren miteinander kombinierten Gattern, die zusammen eine Schaltung bilden.
Diese kann mehrere Ebenen von Grundgattern enthalten. Der Ausgang eines Gatters kann Eingang eines anderen Gatters sein und so weiter.

Definition
Definition: Schaltung

Jede digitale Schaltung ist eine Kombination von UND-, ODER-, NICHT- und XOR-Gattern.

Hier ein paar Beispiele für solche Schaltungen:

Haussicherung:
Der Alarm löst aus, wenn Fenster und Tür gleichzeitig geöffnet sind oder ein Bewegungsmelder ausgelöst wird.
Ausdruck: (Fenster ∧ Tür) ∨ Bewegung
Haussicherung Schaltung
Ampelsteuerung:
Die Fußgängerampel zeigt grün, wenn die Autoampel rot ist und der Fußgängertaster gedrückt wurde, aber nur wenn kein Notfallmodus aktiv ist.
Ausdruck: (AutoRot ∧ Taster) ∧ ¬Notfall
Ampelsteuerung Schaltung
Sicherheitsfreigabe:
Eine Maschine startet, wenn der Startknopf A gedrückt wird und entweder der Sicherheitsschalter B geschlossen oder der Schlüssel C gesteckt ist.
Ausdruck: A ∧ (B ∨ C)
Sicherheitsfreigabe Schaltung

1.3 Wertbelegungstabellen

Um zu verstehen, wie sich die Eingänge auf den Ausgang auswirken, werden Wertbelegungstabellen eingesetzt. Eine Wertbelegungstabelle listet für alle möglichen Kombinationen der Eingänge den entsprechenden Ausgangswert auf. Sie ist damit ein klar strukturiertes Hilfsmittel, um das Verhalten einer Schaltung systematisch zu analysieren oder zu überprüfen.

Definition
Definition: Wertbelegungstabelle

In einer Wertbelegungstabelle wird jede mögliche Kombination der Eingänge betrachtet, um den Ausgang der Schaltung eindeutig festzulegen.


Beispiel:
In einer Fabrik soll eine kleine Maschine gesteuert werden. Die Maschine soll nur dann laufen, wenn entweder:
Schalter A und Schalter B gleichzeitig gedrückt sind, oder
Schalter A nicht gedrückt ist.
Mit anderen Worten: Die Maschine kann auch starten, wenn Schalter A offen ist – unabhängig von Schalter B. Dieses Verhalten lässt sich durch den logischen Ausdruck darstellen:
(A∧B)∨¬A
Um genau zu verstehen, wann die Maschine läuft und wann nicht, kann man eine Wertbelegungstabelle erstellen. Dort werden alle möglichen Kombinationen der Eingänge A und B aufgelistet und jeweils der Ausgang der Schaltung berechnet.

A B A ∧ B ¬A (A ∧ B) ∨ ¬A
0 0 0 1 1
0 1 0 1 1
1 0 0 0 0
1 1 1 0 1

Die beiden Spalten A ∧ B und ¬A sind nur Hilfsspalten um die Bestimmung des Ergebnisses in der letzten Spalte zu erleichtern.
Übung

Aufgabe 1: Zuordnung

Zeichne zu jeder der Schaltungen eine Wertbelegungstabelle. Welche der Schaltungen sind äquivalent? Bild Schaltung
Lösung

Lösungstabellen

Aufgabe 2:

Gegeben ist nebenstehende Schaltung. Gib zu dieser die zugehörige Schaltfunktion und eine passende Wertbelegungstabelle an. Bild Schaltung
Lösung

Lösungstabellen

Aufgabe 3: Alarmanlage

Eine Alarmanlage soll losgehen, wenn Fenster A geöffnet ist und (Tür B geöffnet oder Bewegungsmelder C ausgelöst ist).

  1. Formuliere den logischen Ausdruck.
  2. Zeichne die Schaltung.
  3. Erstelle eine Wertbelegungstabelle.
Lösung

Lösungstabellen

Aufgabe 4: Kletterurlaub

Bild Schaltung

Eine Familie (Vater, Mutter und Tochter) macht Urlaub in den Bergen, wo sie klettern gehen wollen. Der Vater traut sich zu, auch mal free solo zu klettern. Das ist gar nicht so einfach, denn er muss eine Route finden, die leicht ist und oben einen Außstieg hat und noch dazu nicht brüchig ist. Die Mutter klettert grundsätzlich nur, wenn ihr Mann mit dabei ist und sie sichert. Die Tochter ist noch so klein, dass sie überhaupt nur mit klettern darf, wenn beide Eltern dabei sind. Wenn K = 1 ist, kann die Tour beginnen.

  1. Formuliere den logischen Ausdruck.
  2. Begründe, welcher Eingang zu Vater, Mutter und Tochter gehört.
  3. Wie wird in der Schaltung gewährleistet, dass die Tochter nur dann klettert, wenn Vater und Mutter dabei sind?
Lösung

1. ¬(¬(a∧b)∧¬(b∧¬c))= (a∧b)∨(b∧¬c)
2.
a – Mutter
b – Vater
c – Tochter
Wenn Vater und Mutter zusammen gehen, ist es egal ob Tochter dabei ist oder nicht → a∧b
Wenn die Tochter nicht mitkommt, kann der Vater allein gehen (ist egal ob Mutter dabei oder nicht) → b∧¬c
3. Durch die Negation von c und die AND-Verknüpfung von a und b